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Die drei Schwestern

Die drei Schwestern

Wir stehen zu dritt in meinem Ankleidezimmer vor einer großen Spiegelfront: meine beiden Schwestern Lydia, Hanna und ich. Wir drehen uns nach rechts und schwenken nach links und gucken uns verträumt an. Man könnte meinen wir sind drei kleine Mädchen. Aber ja: wir leben nochmal den Prinzessinnentraum. Jede von uns trägt ein strahlendes Ballkleid im Sissi-Style, mit großem, breitem Reifrock, vielen Metern Stoff und glänzenden Verzierungen. Auch die Frisuren, die wir uns stundenlang gegenseitig geflochten und gesteckt haben, sind ein kleines Kunstwerk.

Wir hatten allein jetzt schon so viel Spaß, uns hübsch zu machen. Ich bin überzeugt, Jehova hat uns Frauen mit dieser Freude erschaffen. Nicht umsonst sagt man, wir sind das schöne Geschlecht.

Die Freude des heutigen Tages wird sicherlich noch durch das bevorstehende Event getoppt. Ein Highlight steht bevor. Wir haben ein ganzes Jahr geplant, organisiert, gebastelt, gemalt, gestickt und genäht:

Wir geben unseren ersten Ball und haben sogar als Überraschung für unsere Gäste einen Ehrengast eingeladen. Was werden die Augen machen…. Ich kann es kaum erwarten.

Besonders einfach in unserer Planung war die Gästeliste. Was hatte man es in der alten Welt noch schwer:

·       Wen lade ich ein?

·       Wen mag ich am liebsten?

·       Müssen wir dieses Ehepaar echt einladen… sie ist oft so schlecht gelaunt?!

·       Nein, den Bruder bitte nicht; ich mag ihn zwar gern, aber er ist oft so anstrengend?

·       Aber die müssen wir einladen, sonst sind die beleidigt….

Fragen über Fragen...

Bei unserer jetzigen Einladung ging es ratzfatz. Wir überlegten, wie viele in den neuen Ballsaal hineinpassen und jeder schrieb seine Lieblingsmenschen auf. Wir alle mögen wirklich jeden. Es gibt keinen, den man nicht mag! Schließlich haben wir alle schon eine Menge an unserer Persönlichkeit gearbeitet und schlechte Angewohnheiten oder Eigenschaften mit Jehovas Hilfe bekämpft.

 

Wir blicken aus dem Fenster meines Ankleidezimmers und schauen auf die große Wiese. Fackeln geleiten die Gäste zum Zentrum, unserem Ballsaal, der Orangerie. Sie glitzert mit den vielen Glasscheiben bereits in der untergehenden Abendsonne. Unsere Familien und viele Freunde haben lange zusammen daran gebaut. Die prunkvolle Glaskuppel ist wunderschön und sorgt dafür, dass die Sterne und der volle Mond heute Nacht hineinleuchten. Gestützt wird das Dach von marmornen Steinsäulen, die kunstvoll verziert sind. Innen befinden sich viele exotische Pflanzen, die Jehovas außergewöhnliche Schöpfung zum Ausdruck bringen. Es war uns wichtig, Pflanzen und Blumen zu verwenden, die wir vorher noch nie gesehen hatten. Allein die Blumen beim ersten Blühen zu beobachten, hat so viel Freude gemacht. Diese Vielfalt und Farbenpracht begeistert mich immer aufs Neue.

Wir haben uns für den rosanen Fackelingwer mit seiner riesigen Blüte entschieden, die goldene Fuchsie mit herabhängenden Blütenkelchen und einem Farbverlauf von weinrot über orange bis gelb, die Königsprotea in Rosa-creme, dazwischen Seidenbäume, die gerade ihre volle Pracht entfalten und als kleine Gewächse die Jasminsträucher, die einen herrlichen Duft verbreiten. Alle Pflanzen wurden so angelegt, dass sich in der Mitte genügend Platz für eine große Tanzfläche aus feinstem Parkett mit Fischgrätenmuster bietet. An den Wänden sind kunstvolle Verzierungen mit einzelnen goldenen Ornamenten angebracht, die mit den Blüten um die Wette strahlen.

In der Mitte ist bereits eine große Tafel aufgebaut. Zwei lange Reihen mit Tischen, edlen weißen Tischdecken und opulenten Kerzenleuchtern. Die Blumendeko ist im Vergleich zu den exotischen Pflanzen am Rande eher schlicht gehalten. Da wir gerade Anfang März haben, ist noch kein Frühling. Daher haben wir uns für Tischläufer aus dunkelgrünem Moos entschieden, darüber ein Meer aus Schneeglöckchen. Diese Blumen sind klein und dennoch wunderschön. Außerdem begleiten sie mich schon mein Leben lang, denn immer zu meinem Geburtstag sprießen sie aus der Erde und kündigen den baldigen Frühling an.

 

Es klopft an der Tür und am Türrahmen erscheinen wie drei kleine Erdmännchen übereinander die Köpfe unsere lieben Ehemänner: Elias, Jörg und Ruppert (von unten nach oben).

„Seid ihr fertig?“, fragt Jörg und zupft an seinem Frack herum.
Auch mein Mann scheint seine Abendgarderobe ein wenig zu quälen. Er fummelt an seinem Plastron und an seiner Weste. Elias stört sein Outfit keineswegs. Er genießt es, sich dekadent zu kleiden. So ist er auch der erste Ehemann, der richtig hinschaut und ein endlich ein „Wow“ über seine Lippen bringt.

„Dreht euch mal“, ruft Ruppert begeistert und auch Jörgs Augen strahlen nun beim Anblick seiner Frau.

Lydia trägt ein hellblaues Kleid mit silbernen Ziselierungen und eine extravagante Brosche im Haar. Hanna strahlt in einem weinroten Kleid mit goldenen Ornamenten und einer Tiara mit einem großen Granatedelstein. Ich habe mich für dunkelgrün entschieden mit einem goldenen, verzierten Saum, goldenem Gürtel und einem kleinen Krönchen. Wenn schon, denn schon!

Unsere Ehemänner treten nun ein und staunen, ganz so wie man es sich als Frau wünscht. Sie reichen uns ihren Arm wie echte Gentlemen und geleiten uns hinaus in unseren Garten, damit wir unsere Gäste begrüßen können.

Nach einem köstlichen Mahl und anregenden Gesprächen ist es nun so weit. Wir drei Schwestern kündigen vor dem Beginn der Tänze unseren Überraschungsgast an. Sie konnte leider nicht eher da sein, weil sie sehr gefragt ist. Einfach jeder möchte sie kennenlernen. Unsere Männer geben uns ein Zeichen, dass sie eingetroffen ist, und wir begrüßen die echte Sissi! Sie hat ebenfalls ein spektakuläres Kleid an und wir drei Schwestern erkennen, dass wir uns unbedingt von ihr bezüglich Frisurentechnik beraten lassen sollten. Da ist bei uns noch deutlich Luft nach oben…

Sie strahlt von innen wie außen! Von vergangenen Depressionen aus ihrem alten Leben ist nichts zu erkennen. Sie ist mit ihrer Schwester Helene angereist, wie schön! Auch deren Lebensgeschichte interessiert mich.

Unsere Gäste sind verblüfft und fangen erst jetzt an zu klatschen. Sissi ist das ganz unangenehm, schließlich möchte sie nicht mehr so im Mittelpunkt stehen wie damals. Aber bevor wir sie unangekündigt einschleusen und ein Getuschel entsteht, haben wir uns für die offene Art entschieden. Alle wollen sie kennenlernen, naja vor allem die Damen…

Und jetzt kann es losgehen. Sie bringt uns einige Tänze aus ihrer Zeit bei, wie das Menuett, die Quadrille und weitere. Der Walzer ist uns ja eh geläufig und sollte kein Problem darstellen.

….

Es war ein herrlicher Abend und wir haben viel Spaß gehabt. Sissi besser kennenzulernen, mehr aus ihrer Zeit zu erfahren und die ganze Nacht zu tanzen, war herrlich. Doch nun, in den frühen Morgenstunden, bin ich froh mich aus dem Korsett zu befreien und aus dem Reifrock zu steigen. So ein Kleid hat doch ordentlich Gewicht und selbst meine vollkommenen Hüften freuen sich über die Erleichterung. Gute Nacht oder guten Morgen?!

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