Erster Schultag
Es ist 8:00 Uhr morgens und ich stehe in unserer Küche. Die Sonne strahlt durch die bodentiefen Fenster und die Vögel zwitschern. Mein Kumpel Snobbi kratzt an der Scheibe und will sich dadurch bemerkbar machen. Snobbi ist mein Eichhörnchen-Freund. Als ich ihm das erste Mal ein kleines Schälchen mit Nüssen hingestellt habe, hat er sich nur die Walnüsse herausgesucht und die anderen stehengelassen. Danach hat er mit seinem Schwanz bei seinem Abgang demonstrativ die Schale umgeworfen. So nach dem Motto: „Pah, den billigen Kram will ich nicht!“
Ja, mein Eichhörnchen ist ein Snob und will nur das Beste. Auch trägt er die Nase immer recht hoch, aber irgendwie finde ich das knuffig. Manchmal lässt er sich sogar auf den Arm nehmen und kraulen. Zwischendurch hat er aber auch so seine Phasen... Vielleicht Pubertät oder so??? Keine Ahnung. Beim Verteidigen seines Reviers fegt er manchmal ganz aufgeregt über unsere Terrasse und macht dabei die merkwürdigsten Bewegungen. So schreckt er die Konkurrenz definitiv ab. Ich bin gespannt, was passiert, wenn seine Herzensdame aufkreuzt. Verliebt war Snobbi glaub ich noch nicht.
Während ich die Gemüsesticks kleinschneide und die Muffins in eine Box packe, merke ich wie ich wieder gedanklich abschweife. Dabei ist heute ein wichtiger Tag, mein erster Schultag!
Nein, nicht als Schülerin, sondern als Lehrerin. Und damit die Schüler mir auch wohlgesonnen sind, bringe ich Snacks zur Bestechung mit. Man will schließlich einen guten Eindruck machen. Wenn es Kinder wären, hätte ich gar nicht so Muffensausen... Naja, Angst ist es nicht, aber ein gewisses Lampenfieber habe ich schon. Ich darf nämlich zum ersten Mal Erwachsene unterrichten und ein spezieller Gast ist auch dabei. Er bringt eine krasse Vorgeschichte mit und ich denke: Was soll ich dem noch beibringen???
Ich schaue nochmal in den Spiegel, gebe meinem Mann einen Kuss und husche aus dem Haus. Das Bildungszentrum ist nur eine Viertelstunde mit dem Fahrrad entfernt. Ruppi hat meines etwas aufgemotzt, sodass ich beim Treten Energie erzeuge, die meine Lebensmittel im Korb kühlen. Außerdem sind Stoßdämpfer im Korb einbaut, sodass ich keine Angst haben muss, dass mir die Buttercreme von den Muffins rutscht. Eine besondere Hilfe ist das selbstständige Parken meines Rads. Ich steige ab und es sucht sich von allein einen Platz zum Halten, damit es nicht im Weg steht. So kann ich direkt in die Schule gehen.
Ich betrete das Gebäude, welches ein Glasdach hat, das man jedoch bei starker Sonneneinstrahlung auch automatisch abdunkeln kann. Mein Klassenzimmer ist ein heller Raum mit großen Fenstern und einem herrlichen Ausblick auf einen See. Die im Kreis angeordneten Stühle, sind eigentlich fast Sessel, die man auch in eine bequeme Liegeposition bringen kann. Diese dienen nicht dem Faulenzen, sondern dem Nachsinnen! Darauf legen wir hier viel Wert. Nur so gelangt der Stoff ins Herz und wird verinnerlicht.
Meine Tafel entspricht eher einem Hightechmonitor. Von meinem kleinen Gerät, kann ich direkt Bilder, Tabellen oder Bibeltexte auf den Bildschirm projizieren. Außerdem kann ich mit dem Stift in der Luft schreiben und es ist auf dem direkt Monitor sichtbar. So behalte ich meine Schüler besser im Blick und sehe, wenn jemand nicht mitkommt.
Meine kleine Gruppe von Schülern klopft an und kommt langsam herein. Es sind fünf Personen und diese Anzahl finde ich angemessen. So geht keiner unter und man hat als Lehrer einen besseren Überblick. Jeder Einzelne ist Jehova wichtig und das möchten wir Auferstandenen auch durch die geringe Klassengröße mitteilen.
Eine junge Frau mit welligem blonden Haar kommt als erste ins Zimmer. Sie wirkt etwas schüchtern und stellt sich direkt vor: Norma.
Ich notiere mir ihren Namen und bitte sie Platz zu nehmen. Ich kenne meine Schüler noch nicht, mir wurde nur ein Name vorab genannt. Irgendwie kommt sie mir bekannt vor, aber ich kann sie noch nicht so recht einordnen.
Direkt hinter ihr erscheint ein sehr großer Mann mit breiten Schultern. Ich habe das Gefühl, als hätte er direkt vor seinem Tod Kraftsport gemacht und hätte direkt nach seiner Auferstehung wieder damit angefangen. Er stellt sich als Lucius Marcus vor und erklärt mir gleich, dass er in der alten Welt als Gladiator im Kolloseum gekämpft hat.
Na, das kann ja heiter werden...., denke ich mir. Meine Aufregung steigt.
Ein weiterer Mann steht plötzlich direkt vor mir, macht einen Diener und gibt einen Handkuss vor.
„Ach, das ist aber nett. Wie höflich!“, sage ich verlegen und werde wahrscheinlich rot dabei.
„Ich heiße Alejandro und es ist mir eine Ehre Ihre Bekanntschaft machen zu dürfen. Vielen Dank für die Einladung!“
Die anderen können sich ein Grinsen nicht verkneifen. Aus welcher Ära er stammt, werde ich noch herauskriegen.
Währenddessen hat sich eine weitere junge Frau an mir vorbei geschlichen und bereits Platz genommen. Sie nickt mir zu: „Ich bin Seo-jun!“
„Hallo ihr Lieben! Ich freue mich, dass ihr da seid. Vielleicht machen wir gleich erstmal eine kleine Vorstellungsrunde, um uns kennenzulernen.“ Ich blicke in die Runde und da fällt mir auf, dass ja noch jemand fehlt. Unser Star-Gast sozusagen.
Es klopft an der Tür und ein Junge um die 10 Jahre alt tritt ein und räuspert sich.
„Kann ich dir helfen?“, frage ich ihn irritiert. Kinder werden doch im anderen Trakt unterrichtet. Das ist ja merkwürdig.
Er nimmt all seinen Mut zusammen und atmet tief ein. Dann versucht er in ein Horn zu blasen, dass er in seiner rechten Hand hält. Es gelingt ihm jedoch nicht, einen anständigen Ton herauszubringen. Er zuckt mit den Schultern, als würde er denken: „Was soll`s!“ und erhebt seine Stimme: „Hiermit möchte ich den ehrenwerten König David ankündigen! Verneigt euch!“
Und da kommt auch schon ein Rotschopf um die Ecke. Er ist circa 1,75m groß, trägt ein prächtiges Gewand und hat das Selbstbewusstsein eines Riesen.
Während Lucius nur mit dem Kopf schüttelt, fängt Alejandro als Erster an zu reden: „Das ist mal ein Auftritt!“
Norma Jeane guckt verdattert drein und Seo-jun mustert ihn von oben bis unten.
Meine Güte, was ist das für eine Truppe!!! Aber ich liebe die Herausforderung!
„David, wir freuen uns, dass du da bist! Setz dich bitte auf deinen Platz.“
Ich habe mir gedacht, dass ich auf den Zirkus gar nicht direkt eingehe, sondern lieber einen Bibeltext sprechen lasse. Der steht, glaub ich, für sich. „Schlagt mit mir bitte unseren ersten Bibeltext auf. Und zwar ist das Apostelgeschichte 10:34. Ihr habt alle die Einweisung in die technischen Geräte erhalten, oder?“, frage ich und alle nicken.
„Ok, wer möchte den Text lesen?“
Seo-jun meldet sich und liest: „Jetzt verstehe ich wirklich, dass Gott nicht parteiisch ist.“
Lucius verschränkt die Arme und lehnt sich dabei mit einem genugtuenden Gefühl in den Sessel.
„Mensch Leute, das war doch nur ein Witz!“, löst David die Sache auf und lacht sich kaputt. „Keine Sorge! Das wurde mir gleich bei der Auferstehung gesagt, dass ich keine Diener mehr habe und genauso bin wie alle anderen.“
Ok, ich bin erleichtert und möchte gerade starten, als es wieder klopft. Jemand öffnet die Tür und ich sehe Mirjam, meine Freundin, winken. Ich soll auf den Flur kommen. Dabei guckt sie erstmal neugierig in den Raum und nickt allen zu. Besonders einen starrt sie an...
„Ich wollte gerade anfangen. Was gibt es?“, frage ich.
„Und wie ist er denn so? Können wir nicht tauschen? Meine Klasse ist nicht so spannend wie deine!“
„Tja, da habe ich wohl Glück gehabt. Aber du weißt ja: Pech gibt es nicht mehr. Du hast eben nur weniger Glück!“, spotte ich.
„Aber du stellst ihn mir in der Pause vor, ja?“
„Auf jeden Fall!“, versichere ich ihr und gehe schnell wieder zu meiner Klasse.
Alejandro und David stehen bei Norma und machen ihr ihre Aufwartung, während Seo-jun sich angeregt mit Lucius unterhält. Und plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Das ist Norma Jeane alias Marilyn Monroe. Warum habe ich sie nicht gleich erkannt? Die Frisur ist anders. Nicht der Look, für den sie berühmt geworden ist.
Auweia, das kann ja heiter werden! Ich beschließe am Ende zu beginnen und zunächst das Video von Harmagedon zu zeigen. Danach entstehen sicher viele Fragen und wir lernen uns kennen. Der Lehrplan ist natürlich vorgegeben, aber wir haben eine gewisse Flexibilität, wie und wann wir ein Thema vermitteln. Schließlich ist jede Klasse anders und wir dürfen individuell auf sie eingehen.
Morgen werde ich dann mit der Eden-Prophezeiung starten, die Bündnisse durchgehen und David etwas erzählen lassen. Mich interessiert, wie viel er damals verstanden hat. Dann kommen wir zu Jesus und erst später lernen sie die Prophezeiungen aus Daniel für meine Zeit, die letzten Tage, kennen. Das ist doch ein Plan! Auf geht`s!