skopéō

Es ging alles ganz schnell...

Es ging alles ganz schnell...

Die Schwangerschaft dauert genau wie damals circa 40 Wochen. Manche hatten gerätselt, ob sich diese bei Vollkommenheit verkürzt. Doch ich denke, dass es ein guter Zeitraum ist, sich daran zu gewöhnen, Eltern zu werden. Wie immer wurde alles perfekt von Jehova durchdacht. Das Vorrecht, Leben erschaffen zu dürfen, und Mutter oder Vater zu werden, ist einfach unfassbar schön. Es ist jedoch auch das lebensverändernde Ereignis schlechthin. So braucht es Zeit zum Erfassen, sich Einstellen und Begreifen.
 Und mit der Vorfreude hat Jehova uns auch schon ein Geschenk gemacht. Sich auszumalen, wie unser Kind aussieht, wem es ähnelt, von wem es was geerbt hat und was für ein Mensch überhaupt dabei herauskommt, ist schon spannend.
 Was machen wir, wenn unser Mädchen genauso groß wird wie Ruppert und unser Sohn so klein wie ich? Das sähe doch komisch aus… Zum Glück war das nur ein flüchtiger Gedanke und wir haben uns einfach auf die Vollkommenheit verlassen.
 
 Auch habe ich Jehova jeden Tag dafür gedankt, dass wir uns keine Sorgen um die Gesundheit unserer Tochter machen müssen und dass die Vorfreude allein schon so glücklich macht. Ja, es wird ein Mädchen! Das haben wir uns immer schon so vorgestellt...
 
 Von Beginn an der Schwangerschaft haben wir unserer Tochter in spe von Jehova erzählt. Besonders süß ist es gewesen, wenn Ruppert ihr von den Pflanzen und Tieren in unserem Garten berichtet hat. Er wollte, dass sie von Anfang an Liebe und Dankbarkeit zu Jehova und seiner Schöpfung entwickelt.

Zum Ende hin ist mein Bauch richtig groß geworden, sodass ich nun beim Herunterblicken kaum meine Füße sehen kann. Dank der Vollkommenheit hatte ich jedoch keine Beschwerden: keine Übelkeit am Anfang, keine Schmerzen, keine geschwollenen Beine oder sonstige Unannehmlichkeiten. Alles ist frisch und knackig an mir, nur der Bauch ist halt überdimensional groß. Ich fühle mich fit, muss nur mehr mit mir herumtragen. Das hält mich natürlich nicht davon ab, gemütlich zu reiten oder tauchen zu gehen. Allerdings genieße ich es sehr, wie mein Mann mich verwöhnt, hegt und pflegt. Auch wenn ich die Hilfe nicht brauche, nehme ich sie gerne an. Schließlich trägt er so zur Schwangerschaft bei. Ich trage unser Kind aus und er bedient mich wie eine Königin. Daran könnte ich mich gewöhnen :-)

Mittlerweile sind wir sehr aufgeregt, denn bald geht es los. Gleichzeitig sind wir jedoch auch sicher, dass wir nichts zu befürchten haben; vor allem ich. Schließlich war Angst haben im alten System meine Superkraft...
 Jehova hat wirklich für alles gesorgt. Wir wurden darüber informiert, wie eine Geburt im Paradies abläuft und was dabei zu tun ist. Krankenhäuser gibt es nicht mehr, deswegen werden die Kinder meist zu Hause geboren. Für die Übergangsphase, die ersten 50 Jahre im Paradies, wurden jedoch auch noch Geburtshäuser eingerichtet. Dort arbeiten Hebammen aus der Zeit kurz vor dem Ende, die den Müttern beratend zur Seite stehen und helfen. Eigentlich handelt es sich dabei nur um eine psychologische Krücke; für das Gefühl. Eine Geburt war schließlich in der gesamten Menschheitsgeschichte ein Szenario, welches mit vielen Ängsten und Schrecken und  zugleich der größten Freude und Glückseligkeit  verbunden war. Komplikationen, Hilflosigkeit und die fehlende Kontrolle über das, was bei einer Geburt passiert, sowie Gewalterfahrungen durch Ärzte und Hebammen, haben sich im schlimmsten Fall sogar als traumatische Erfahrungen als Anhängsel in den Genen verankert und wurden somit an nachfolgende Generationen weitergegeben.

Auch wenn die immer mehr zunehmende Vollkommenheit uns alle Ängste genommen hat, fühlen sich viele immer noch wohler dabei, ein Kind nicht allein zu Hause zur Welt bringen zu müssen. Ich finde, das ist eine liebevolle Idee; ich selbst bin gespannt auf die Geburt in unserem Heim. 

Ich überlege wie mein Mann sich schlagen wird und muss schmunzeln. Damals konnte er es kaum ertragen, wenn ich Schmerzen hatte oder unangenehme Untersuchungen beim Arzt oder im Krankenhaus hinter mich bringen musste. Doch das gehört alles der Vergangenheit an.
 Wir haben einen GiP-Kurs besucht (Geburt im Paradies) und wissen nun genau, was zu tun ist und freuen uns einfach auf unseren Nachwuchs. Mehr gibt es nicht zu bedenken. Nur der Name fehlt noch...


 Ich ziehe ein paar Bahnen im Meer und stelle mir unsere Tochter vor. Hat sie Locken wie ich und die schönen Wimpern von Ruppert? Damals hätte ich gehofft, dass sie das ausgeglichene Wesen und die stets positive Einstellung meines Mannes erbt, doch mittlerweile habe ich die ja auch!
 Tja, ich lasse mich überraschen und gehe nochmal die Checkliste durch: Das Zimmer für unsere Kleine ist fertig. Auf eine Wand habe ich ein Aquarell mit zarten Rosatönen, Türkis und Gelb gemalt. Die Kinderwiege hat Ruppert selbst aus feinstem, hellen Pinienholz gebaut. Er hat mich damit vor einem Monat überrascht. Allein die Verzierungen und Schnitzereien haben mich zu Tränen gerührt.
 Den Wickeltisch und den kleinen Kleiderschrank hat er letzte Woche fertiggestellt. Einige Strampler habe ich auch schon zusammen und konnte diese gestern einsortieren. Meine Mama, meine Schwiegermama, meine Tante und die ganzen Omas, die auferstanden sind, haben bereits fleißig genäht und gestrickt. Ein Strampler ist süßer als der andere. Sogar einige Kleidchen sind dabei. Was brauchen wir sonst noch? Ich trockne mich ab, spaziere etwas im Garten und überlege...

Plötzlich verspüre ich einen leichten Druck im Unterleib. Ich denke mir erst nichts dabei, doch dann erinnere ich mich an den GiP-Kurs. Das ist das Zeichen, dass es losgeht! Oh, oh! „Ruppi!!!“, rufe ich und setze mich auf den flauschigen Rasen. Von da aus kann ich aufs Meer sehen; es ist später Nachmittag. 

Mein liebster Mann kommt ganz bequem angeschlurft und hält eine Säge in der Hand. Er baut wieder irgendetwas…

„Was ist denn? Ich bin fast fertig mit meinem Projekt.“

Ich zeige auf meinen Bauch und sage: „Du wirst Papa: JETZT!“

So schnell kann ich gar nicht reagieren, wie er zu mir herüberläuft. Ich bin froh, dass er vorher die Säge hat fallenlassen.
 „Was kann ich tun?“, fragt er.

Süß, er ist ganz schön aufgeregt. Ich bitte ihn, mir ein Kissen, eine Decke und etwas kühles Wasser zu bringen. Er springt auf und ist binnen einer Minute wieder da. Dann streichelt er mir über den Rücken und redet beruhigend auf mich ein:

„In dem Kurs haben sie gesagt, es dauert nicht lange. Du hast das die ganzen Monate so toll gemacht, mein Schatz! Und du weißt, es wird bestimmt nicht wehtun. Du musst dir keine Gedanken machen. Jehova hat es ja versprochen.“

„Das ist so lieb von dir, aber eigentlich bin ich total entspannt. Nur etwas aufgeregt. Und irgendwie habe ich das Gefühl, alles vergessen zu haben, was wir im GiP gelernt haben.“

Ein weiterer Druck in meinem Unterleib und ich halte unsere Tochter in den Armen.
 „Das flutschte aber echt!“, sagt Ruppert erstaunt. „Sie ist so wunderschön!“

Mein Mann sitzt im Gras neben mir und betrachtet unsere Tochter. Sie ist wirklich das schönste Wesen, dass ich je gesehen habe. „Sie ist perfekt, nicht wahr?!“, höre ich ihn sagen und es ist natürlich keine Frage. Ich nicke nur und uns beiden laufen Tränen des Glücks über die Wangen. Plötzlich leuchtet unsere Tochter in goldenen Tönen, denn die Sonne geht gerade am Horizont über dem Meer unter und strahlt sie an.

„Lass uns sie Aurelia, die Goldene, nennen“, schlage ich vor.

Er nickt und wir legen uns entspannt hin und genießen den Moment als richtige Familie: Papa, Mama und unser kleines Mädchen, die für uns so hell strahlt, wie die untergehende Sonne.

Danach schauen wir nach oben und schicken ein zutiefst dankbares Gebet zu unserem himmlischen Vater. Wir sind davon überzeugt, dass er sich genau so sehr über unser kleines Mädchen freut wie wir.

Installiere diese Seite als App für schnelleren Zugriff!