Unser Dorf wächst
Heute gab es eine besondere Ankündigung:
Mittlerweile hat jeder sein eigenes Haus und für die Auferstehenden wird weiter fleißig gebaut. Auch unsere Umgebung verwandelt sich mehr und mehr in einen paradiesischen Garten. Ich habe mich für die Parkarbeiten gemeldet. Schließlich sollen alle nicht bebauten Flächen zu einem Park umgewandelt werden. Da wird jede Hand gebraucht. Und meine Knie machen das jetzt auch ohne Probleme mit.
Ziel ist es, dass man aus seinem Haus hinausgeht, durch den Vorgarten und dann gibt es sozusagen den Gemeinschaftsgarten. In unserem Dorf sind wir schon recht weit gekommen.
Und nun wurde uns mitgeteilt, dass ein Marktplatz gebaut werden soll. Jeder aus unserer Gemeinschaft durfte Vorschläge für die Gestaltung einbringen. Herausgekommen ist ein Feuerwerk an tollen Ideen. In der Mitte unseres Dorfes roden wir eine kleine Fläche Wald und ebnen sie mit weichen Holzhackschnitzeln. So haben wir die Bäume gleich gut genutzt. Die umgebenden Parkanlagen erhalten in diesem Bereich kleine Mauern, ähnlich denen zu alter Zeit wie im Libanon oder Israel. Sie umranden den Marktplatz und dienen gleichzeitig als Sitzmöglichkeiten. Es werden zwischendrin jedoch auch hübsche geschnitzte Parkbänke aufgestellt. Am Nord – und Südeingang gibt es jeweils einen Brunnen mit Trinkwasser.
Laut der Anweisung Jehovas soll jede Familie ihren eigenen Pavillon konstruieren und bauen; ganz nach ihrem Geschmack. Hier kann dann jedes Haus seine eigenen Waren anbieten. Es braucht also auch eine Theke im Pavillon und Regale zum Präsentieren der Waren.
Ruppert und ich haben lange überlegt, was wir der Gemeinschaft kostenlos zur Verfügung stellen möchten. Sein größter Traum war diesbezüglich eine Käserei. Also haben wir uns zunächst dafür entschieden. Und ich werde Kuchen backen und anbieten. Doch wie gestalten wir unseren kleinen Marktstand?
Wir beide lieben Bambus und besitzen davon recht viel in unserem Garten. Also nehmen wir das als Grundmaterial. Für das Dach verwenden wir eine Begrünung aus Moos und vielen unterschiedlichen Sukkulenten. An das Vordach bringen wir unseren Namen für den Stand an: Uns fiel nichts Besseres ein als „KäKu“... Käse und Kuchen eben. Naja, vielleicht kommt uns noch eine bessere Idee im Laufe der Zeit. Ruppert hat ein Stück Holz mit einer Käseabbildung geschnitzt und ich eines mit einem hübschen Muffin-Relief.
Jede Familie soll etwas zu dem Grundbedürfnis Nahrung beitragen. Das ist kostenlos und jeder gibt, was er hat. Mittlerweile haben sich alle Familien für etwas entschieden.
Die einen bauen alle möglichen Sorten von Tomaten an. Das Geländer ihres Stands besteht aus lauter aufeinander gesetzten Holzkugeln, die an Tomatenranken erinnern. Total die coole Idee! Die Tochter malt diese gerade mit roter Farbe an. Sie haben sogar schon fertige Tomatensoßen im Glas in verschiedenen Geschmacksrichtungen im Angebot. Man sind die fix!
Daneben entsteht gerade ein Pavillon für Brote, Brötchen und Baguettes.
Ich gehe nach rechts und weiter hinten entsteht eine riesige Etagere aus Korbgeflecht; so sieht es zumindest aus. Ah, und jetzt kann ich auch erkennen, wofür: Es wird ein Obststand!
Der Getreideanbieter hat seine Bude auch sehr kreativ gestaltet: Die Wände haben einen Putz, der an die Struktur von Linsen erinnert. Das Dach hat er mit Weizenähren bedeckt. Es leuchtet in der Sonne. Wie schön! Hier werde ich demnächst sämtliche Getreidekörner, fertiges Mehl, aber auch Linsen, Quinoa, Bulgur und Couscous abholen können.
Eine andere Familie möchte sich auf Kohl spezialisieren. Sie haben ihren Stand wie einen Kohlkopf gestaltet und das kommt richtig gut an. Und so geht es weiter. Gemüse, Fisch, Fleisch, eine Bar mit Säften, Milch und anderen Getränken...
Es fehlt wirklich nichts in unserer kleinen Gemeinschaft. Natürlich gibt es noch exotischere Nahrungsmittel. Die können wir direkt aus anderen Ländern beziehen. Denn manche Glaubensbrüder möchten sich noch gar nicht irgendwo niederlassen, sondern zunächst reisen, reisen, reisen! Und so kommen wir an Waren, die bei uns nicht wachsen. Außerdem lernen wir immer neue Leute kennen. Das macht richtig Spaß. Für solche Fälle haben wir noch ein kleines Gästehaus gebaut. So können Reisende bei uns einkehren und ihre Geschichten erzählen.
Doch wie sieht es mit Luxusgütern aus? Kunstwerke wie Gemälde und Skulpturen, Schmuck, Mode und Handtaschen, besondere Möbel, Musikinstrumente, aufwendige Hochzeitstorten oder auch andere individuelle Dienstleistungen?
In der Ankündigung haben wir erfahren, dass jeder zur allgemeinen Nahrung etwas kostenlos beitragen soll. Besondere Dinge jedoch können mittels Geld gehandelt werden. Hier geht es natürlich nicht um die Anhäufung von Geld und Besitz, sondern um ein Handelssystem und den Austausch von Diensten, Gütern und Kreativität.
Das macht richtig Sinn: Wenn ich also drei Tage an einer Hochzeitstorte arbeite, kriege ich dafür einen gewissen Geldwert und nicht einfach nur ein Brot von meinem Kunden. Das würde meiner stundenlangen Arbeit bei weitem nicht entsprechen und 10 Brote möchte ich dafür auch nicht erhalten, wenn ich gar nicht so viel benötige. Für Luxusgüter also eine gewisse Menge Geld zu erhalten, ist praktischer: Es dient einfach als Tauschmittel.
So kann ich selbst entscheiden, wofür ich es einsetzen möchte. Zum Beispiel habe ich vor, mir bald ein Cello zu kaufen. Der Instrumentenbauer setzt dafür auch recht viel Zeit an, braucht aber momentan keine Torte. Also macht es Sinn, dass ich ihn dafür entlohne.
Und was soll ich sagen: Ich bin sicher, dass es funktionieren wird. Keiner ist gierig und jeder hat unterschiedliche Talente, die er für die Gemeinschaft einsetzen möchte. Jeder trägt etwas zum Nutzen und zur Schönheit dieser Gemeinschaft bei und damit auch zur Ehre Jehovas.
Auf dem Weg nach Hause treffe ich meine Mutter. Sie hat sich dafür entschieden, Wein herzustellen. Na klar, was auch sonst! Ein Weingarten war immer ihr Traum.
„Dafür musst du aber auch etwas tun“, sage ich streng zu meiner Mutter. „Nicht nur zwischen den Weinreben liegen und Weintrauben essen...!“ So hat sie sich nämlich das Paradies immer vorgestellt.
„Ha ha! Dein Vater und ich überlegen heute, wie wir das Ganze aufziehen werden. Er soll mir eine moderne Traubenpresse bauen, schließlich will ich das nicht mit den Füßen machen müssen“, antwortet sie.
„Ja, da werdet ihr euch schon etwas Besonderes einfallen lassen. Wir sind doch bald vollkommen und nicht im Mittelalter gelandet. Ich bin gespannt und komme gern zur ersten Verkostung. Ihr braucht doch bestimmt Probetrinker?“
Sie schüttelt mit dem Kopf. „Degustatoren, Eva!“, ermahnt sich mich. Mutter bleibt eben Mutter, egal wie jung sie aussieht. „So nennt sich das! Du bist doch auch bald vollkommen!“ Sie kichert und wartet auf eine schlagfertige Antwort. Hmmm, die habe ich leider nicht. 1:0 für Mutti.
Wir verabschieden uns und ich treffe Sigrid. Hans sammelt gerade Holz für ihren Blumenstand. Naja, das kommt jetzt nicht überraschend. Wenn sich jemand schon in der alten Welt mit Blumen auskannte, dann war es unsere Sigrid.
„Wie nennt ihr euren Stand?“, frage ich.
„‘Buschblumen‘ natürlich!“, antworten beide gleichzeitig.
„Da hätte ich auch selbst draufkommen können. Bei dem Nachnamen... Ich freue mich schon!“
Ich ziehe weiter und schaue noch bei Rupperts Eltern vorbei. Sie wohnen circa eine halbe Stunde von uns entfernt. Da fällt mir ein, dass ich noch gar nicht weiß, was sie beitragen wollen.
Regina macht mir einen Tee und wir kommen ins Gespräch. „Wie läuft eure Käserei?“, fragt sie.
„Ruppert wollte sich nochmal mit Rolf zusammensetzen und die Planung besprechen. Der technische Teil interessiert mich nämlich nicht. Das sollen die Männer lieber untereinander besprechen.“
„Da wird Rolf sich nicht zweimal bitten lassen. Du weißt ja, wie gerne er mit Ruppert Pläne schmiedet.“ Ich nicke.
„Und wofür habt ihr euch entschieden? Was macht ihr für einen Pavillon?“
Regina antwortet nicht, sondern nickt mit dem Kopf Richtung Tisch. Ich überlege und dann fällt es mir ein: „Tee?“
„Jaaa“, grölt Regina ausgelassen. „Ich habe mir das ganz genau überlegt. Und dann erzählt sie mir eine lange Geschichte, die man auch hätte in 5 Minuten erzählen können... Aber das mag ich so an ihr. Ich erfahre alles: von der Vorliebe, zur Idee, zur Planung bis zum fertigen Entwurf. Manche Dinge ändern sich eben nie und das ist gut so. Schließlich haben wir alle Zeit der Welt und nicht nur ein begrenztes Zoom-Meeting.
„Und als Luxusartikel werde ich Tonfiguren aller Art herstellen. Dekoration ist mein Ding!“, erzählt sie weiter.
„Oh ja! Kreativ warst du immer schon. Und wo machst du das?“, frage ich. „Hast du ein eigenes Zimmer dafür?“
„Eva, du musst groß denken! Rolf wird mir dafür ein Atelier bauen.“
„Und was möchte er anbieten?“
„Hausmeister!“, macht Regina einen Witz. „Nein, das braucht ja keiner mehr.“
„Sag das nicht. Der Marktplatz muss auch vom Laub befreit werden. Hat er seinen Laubbläser aus der alten Welt nicht mitgebracht?“, frage ich und wir beide lachen.
„Klopf, klopf!“ und Rolf tritt ein. „Na, was macht die Käserei?“, fragt er wie eben zuvor Regina.
„Du musst mal beim Rupperle vorbeischauen“, kommt mir Regina zuvor. Rupperle, wie süß, denke ich. Mutti bleibt auch hier Mutti.
„Was möchtest du anbieten Rolf? Hast du dir darüber schon Gedanken gemacht?“
„Ich helfe erstmal der Mama mit ihrem Teegeschäft und dann möchte ich später Kinder im Handwerk unterrichten!“, erklärt er kurz und knapp.
Regina und ich schauen uns an und sind begeistert. „Ich könnte mir keinen Besseren dafür vorstellen“, sagt Regina stolz und ich pflichte ihr bei.
Wir sitzen noch eine Stunde zusammen und dann gehe ich abends nach Hause zu meinem lieben Ehemann. Heute habe ich irgendwie nicht viel geschafft und nur mit allen möglichen Leuten geklönt, die mir begegnet sind. Aber das macht ja gar nichts. Ich habe kein schlechtes Gewissen, weil ich getrödelt habe, sondern freue mich über die schönen Gespräche. Ein Dorf voller Freunde. Wie könnte es schöner sein?!